Als wir anfingen, Kunst zu machen, waren wir keine Künstler. Wir waren 12 oder 18 Jahre alt. Wir betrachteten die Welt unserer Eltern, Verwandten, Nachbarn. Das durch und durch verwaltete, um Lohnarbeit kreisende Leben, das wir dort vorfanden, lehnten wir ab. Wir schworen, uns unter keinen Umständen zu beteiligen. Wir waren überzeugt: wir stehen AUSSEN!
In Musik, Literatur, Film, Fotografie und Malerei entdeckten wir vertraute Gedanken, Gefühle und Regungen. Kunst brachte etwas in uns zum Klingen, indem sie uns gleichzeitig Aufgehobensein und Alleinsein (also Außensein) vermittelte. Für einen sekundenkurzen Augenblick ließ sie uns eine scheinbar GRENZENLOSE FREIHEIT verspüren. Wir glaubten, die Wirklichkeit sei nichts als ein blasses Abbild dieser Idee von Freiheit. Von unserem neuen IDEALISMUS angetrieben, beschlossen wir, uns von nun an selbst als Künstler zu bezeichnen. Daß der Begriff Künstler in Wirklichkeit nicht mehr ist als eine Berufsbezeichnung, davon sollten wir, die wir einen Beruf zu wählen doch eigentlich mit ganzer Kraft ablehnten, erst später erfahren.
Grundvoraussetzung dafür, sich dauerhaft als Künstler (oder Theatermacherin oder Fotograf oder Filmemacherin oder Autor oder Schauspielerin) bezeichnen zu können, ist zunächst, als solcher überhaupt sichtbar und anerkannt zu sein. Der Kulturbetrieb hält - als Teil der bestehenden Gesellschaft - nur ein einziges Anerkennungsmittel bereit: den am Geld meßbaren Erfolg. Nur ein Kunstproduzent, der ERFOLGE nachweisen kann, kann die IDENTITÄT DES KÜNSTLERS dauerhaft annehmen. Der gescheiterte Kunstproduzent ist - von Selbstzweifeln gepeinigt und von professionellen Kunstbetrachtern belächelt - über kurz oder lang zum Aufgeben oder Ausweichen in den Hobbysektor gezwungen.
Mit der Idee des Künstlers als Außenstehender gestartet, glaubt der Künstler gleichzeitig von sich selbst, er müsse anders als die Anderen zu Besitz oder Geld stehen. Als reiner Idealist bindet er sein hehres Kunstschaffen nicht an weltlicheGeldforderungen; schließlich ARBEITET er nicht (und hat somit auch keine Freizeit), sondern tut fortwährend das, was er angeblich „wirklich“ will. Dieser Zustand wird im Allgemeinen als Selbstausbeutung bezeichnet. Der entsprechende Schlachtruf lautet: Alles für die Kunst!
Der in der Grundidee des Künstlers verwurzelte Idealismus steht in krassem Gegensatz zum real-existierenden Konkurrenzkampf um Geld bzw. Erfolg. Während der Idealismus den Kulturbetrieb als Motor am Laufen hält, bestimmt der Konkurrenzkampf den Alltag.
Es scheint, der Künstler ist - trotz des Widerspruchs, in dem er lebt - zumindest FREI in Denken und Handeln und kann sein Werk nach eigenen Vorgaben gestalten. Die kunstfördernden Institutionen der bestehenden Gesellschaft - staatliche Einrichtungen, Konzerne, Banken, Kirchen etc. - leisten sich den Kulturbetrieb jedoch nicht ohne Zweck. Kunst - so ihr Anliegen - soll Werte wie Einfühlungsvermögen, Kritikfähigkeit, Kreativität etc. vermitteln. Sie dient einem nationalen oder (im europäischen Sinne) kontinentalen Selbstbewußtsein. Die bestehende Gesellschaft grenzt sich von anderen Gesellschaften gerade durch die Anwesenheit ihrer Kunst ab und hebt sich somit qualitativ hervor. Kunst dient als Statussymbol. Sie ist konstituierend für die bestehende Gesellschaft und deren Ordnung. Entgegen der unter Künstlern weitverbreiteten Annahme, gerade Kunst könne die Gesellschaft verändern oder gar umstürzen, sichert sie die bestehenden Verhältnisse und somit das Überleben der kunstfördernden Instanzen.
Der Künstler glaubt, die bestehende Gesellschaft von AUSSEN kritisch betrachten zu können. Da er aber in Abhängigkeit zu seinem Lohnzahler - den kunstfördernden Institutionen - steht, ist er Teil der Gesellschaft und steht INNEN. Die Annahme, er sei frei und nichts als seinem Idealismus verpflichtet, ist falsch. Der Künstler ist VOR ALLEM den Interessen der kunstfördernden Institutionen verpflichtet. Die sogenannte Selbstausbeutung ist nichts als bloße Ausbeutung.
Der Idealismus des Künstlers ist ein Gespenst. Sich von diesem Gespenst angetrieben in den Kulturbetrieb zu stürzen und bereitwillig den dort herrschenden Lohnverhältnissen unterzuordnen, ist nicht, wie angenommen, subversiv, sondern im Gegenteil: affirmativ.
Der Kulturbetrieb ist ein Markt wie jeder andere. Künstler ist eine Berufsbezeichnung wie jede andere. Hinter dem sekundenkurzen Augenblick, in dem durch Kunstbetrachtung oder Kunstschaffen etwas zum Klingen gebracht wird, steckt keine Idee einer grenzenlosen Freiheit. Er ist schlicht und einfach ein sekundenkurzer Augenblick. Nicht mehr, und nicht weniger.
Konsortium & Konsorten, Merzouga, Juli 2009